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Luther ohne Buchpresse. Über Wandel, Freiheit & die Rolle der Technologie

Ideen allein verändern nicht die Welt. Es sind die Wege, die Sie den Menschen ermöglichen

Man stelle sich vor, Martin Luther hätte seine Bibelübersetzung in einer Welt ohne Druckerpresse vollendet. Die Texte wären handschriftlich geblieben, langsam vervielfältigt, von Stadt zu Stadt getragen, und nur von wenigen gelesen worden. Aufruhr und Streit hätte es auch in diesem Fall gegeben, aber sehr wahrscheinlich nur in einzelnen Gemeinden. Über ein rebellisches theologisches Ereignis wäre es wohl kaum hinausgewachsen. Jenes Feuer, das ein Zeitalter aus den Angeln wäre am Funken verpufft.
Nun das umgekehrte Bild: Die Presse steht bereit, die Lettern sind gegossen, doch niemand wagt es, die herrschende Wissensordnung infrage zu stellen. Es gäbe Maschinen, aber keinen Satz, der brennt; eine Infrastruktur, aber keine Übersetzung, die der Obrigkeit das Deutungsmonopol entreißt und dem Leser zuruft, er müsse nicht länger warten, bis ihm jemand erklärt, was wahr sei. Wir hätten die Technik. Nur eben keine Befreiung.
Die Historische Pointe liegt genau in diesem Zwischenraum. Weder Luther noch der Buchdruck haben die Welt allein verändert; es war ihr Zusammentreffen. Eine neue Deutung, die auf eine neue Infrastruktur traf. Der eine stellte die Frage anders, der andere sorgte dafür, dass sie sich nie wieder einfangen ließ und aus beidem erwuchs ein Drittes. 
Der Mensch konnte sich selbst zur Wahrheit ins Verhältniss setzen.
Doch das geschah nicht reibungslos und über Nacht schon gar nicht. Es kostete Gewalt, Irrtum, Machtkämpfe, und am Ende standen neue Dogmen, wo alte gefallen waren. Geschichte verläuft eben selten sauber. Die Tür die nun offen stand, befähigten diejenigen die das Lesen beherrschten. So hing die Auslegung des Wortes nun nicht mehr im an den Wenigen. 

Heute stehen wir an einer ähnlichen Schwelle, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Die Frage ist nicht mehr, ob sich Texte vervielfältigen lassen. Sie hat sich verlagert. Wer darf Wissen überhaupt erzeugen? Große Sprachmodelle geben nicht bloß Texte aus. Sie ordnen Argumente, formulieren Hypothesen, sezieren Daten, entwerfen Strategien, schreiben Programme, vergleichen Studien, simulieren Entscheidungen. 

Sie sind keine Bibliotheken, die Vorhandenes bewahren, und auch keine Druckmaschinen im alten Sinn, die Vorhandenes nur vervielfältigen, sie sind an der Herstellung des Wissens selbst beteiligt. Und genau hier wird es unbequem. Denn solange Wissen in Universitäten, Redaktionen, Laboren und öffentlichen Institutionen entstand, war wenigstens grob sichtbar, woher es kam. Verlagert es sich nun in geschlossene Modellsysteme, kehrt die alte Machtfrage in neuem Gewand zurück. Sie lautete einst: Wer besitzt die Bücher? Dann: Wer beherrscht die Medien? Heute zunehmend: Wem gehören die Systeme, die neue Antworten hervorbringen? Vielleicht liegt darin die wahre Parallele zur Reformation. Nicht in Religion, Kirche, in Luther als Held oder Ketzer, sondern in der Frage, was mit einer Gesellschaft geschieht, die ihre Werkzeuge der Erkenntnis aus der Hand gibt. 

Denken wir das Szenario also zu Ende. Es gibt mächtige KI-Systeme, doch nur wenige begreifen, wie sie arbeiten. Das wäre der Buchdruck ohne die Kunst des Lesens. Die Maschine läuft, die Seiten fliegen, die Welt verschiebt sich, und die meisten stehen daneben und sehen nur, was am Ende herauskommt. Den Anblick bewundern können sie. Den Inhalt verschlingen, fürchten, kritisieren oder verwerfen nicht.
Verschärft wird das Bild, sobald diese Systeme nicht länger nur Vorhandenes wiedergeben, sondern Neues hervorbringen. Trotz der vielen Kritiker die ermahnen, dass heutige KI nur ein sehr gelungener Taschenspielertrick der Mathematik wäre, muss dennoch zugestanden werden, dass bereits heutige Systeme in Händen fähiger Menschen an der Erzeugung neuen Wissens massgeblich beteiligt ist.  Unentdeckte Muster, ungesehene Lösungen, frische wissenschaftliche Vermutungen, Marktstrategien, politische Erzählungen, können auch durch geschicktes Fragen und füttern der Systeme entstehen. Wer hier als Lösung nur den bloßen Zugang im Sinne hat, den muss ich enttäuschen, denn dies genügt nicht mehr. Entscheidend wird nicht, ob man eine Antwort erhält, sondern ob man durchschaut, wie sie zustande kam. Ob das Gelesene wahrscheinlich wahr ist oder bloß überzeugend klingt, steht als Basis der neuen Fragmentierung. Ihre erste Schicht liegt offen zutage. Ist es nun Erkenntnis die vor einem ist oder nur geschliffene Sprache? Das ist gefährlicher als bloße Ungleichheit – es ist eine neue Form epistemischer Abhängigkeit. Bestimmen wenige Akteure, welche Modelle gebaut, welche Daten gezählt, welche Antworten plausibel erscheinen und welche Fragen gar nicht erst gestellt werden, entsteht kein klassisches Wissensmonopol mit sichtbaren Mauern sondern etwas viel feineres, weicheres, schwerer zu Greifendes. 
Ein Monopol auf Wahrscheinlichkeiten, auf Deutung, 
auf das, was vernünftig klingt.
Und man bemerkt es womöglich nicht einmal. Gerade weil die Antworten so freundlich ausfallen, so flüssig, hilfreich und selbstgewiss, dass kein Gefühl des Ausgeschlossenseins aufkommt. Man bekommt ja eine Antwort. Aber eine Antwort ist noch keine Teilhabe. Lesen war einst mehr als ein Handwerk; es war eine Machtverschiebung, denn wer lesen konnte, musste nicht länger glauben, was ihm vorgelesen wurde. 

Die entsprechende Kunst unserer Zeit erschöpft sich nicht im Prompting und schon gar nicht in ein paar Kniffen im Umgang mit Chatbots. Sie besteht darin, mit KI Wissen zu erzeugen, es zu prüfen und ihm zu widersprechen. Das verlangt ein Verständnis dafür, wie solche Systeme arbeiten. Es verlangt eine kreative Ader, um ihren tatsächlichen Nutzen zu verstehen. Es verlangt von Allen die Entscheidung ob Sie das Produkt konsumieren, das Produkt sie oder am Produkt als Produzenten Teilhabe ausüben. Dann wird die KI nicht zur neuen Kanzel, von der herab verkündet wird, sondern zur Werkstatt, in der gearbeitet wird. 

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre des alten Gedankenspiels: Eine Gesellschaft wird nicht frei, weil eine Technologie existiert, und auch nicht, weil einzelne Menschen große Ideen haben. Freiheit entsteht erst dort, wo Idee, Werkzeug und Fähigkeit zusammenfinden. Luther ohne Buchdruck wäre vermutlich verhallt. Der Buchdruck ohne Leser hätte wenig befreit. Eine mächtige KI ohne breite KI-Mündigkeit mag vieles werden – demokratisch wird sie nicht von selbst
Denn wer nur liest, was andere erzeugen, bleibt Zuschauer.
Wer aber versteht, wie Wissen entsteht, kann widersprechen.
Und manchmal beginnt genau dort die Freiheit.